Trump poltert in England weiter

  • US-Präsident Trump hat seine harsche Kritik an der Brexit-Strategie der britischen Premierministerin May relativiert.
  • Vor der Abreise aus der erleichterten Hauptstadt räumte Trump bei seiner Pressekonferenz mit May ein paar Scherben beiseite.
  • Dann teilte der US-Präsident gegen Abwesende aus.
Von Cathrin Kahlweit, London

Der Chefredakteur der größten britischen Boulevardzeitung, Tom Newton Dunn, konnte sein Glück kaum fassen. Zehn Minuten hatte das Weiße Haus der Sun für ein Interview mit dem US-Präsidenten in Brüssel zugesagt, bevor dieser vom Nato-Gipfel weiter nach London fliegen sollte. Sehr schnell ahnte der Journalist, dass dieses Gespräch Schockwellen durch Großbritannien senden würde, was offenbar auch Trumps Pressesprecherin Sarah Huckabee Sanders befürchtete. Sie wurde nach exakt zehn Minuten unruhig und rief: „Okay, letzte Frage.“

Aber Trump ließ sich nicht stoppen, er redete weiter, insgesamt 28 Minuten lang. Danach hatte das Blatt ein Interview, das ein Schlag ins Gesicht für Theresa May und ein Ritterschlag für ihre Gegner ist. Huckabee Sanders schickte später noch eine Pressemitteilung raus, dass Trump nie etwas Schlechtes über May gesagt habe. Aber für Schadensbegrenzung war es zu spät.

Die Zeitung veröffentlichte ihren Coup Donnerstagnacht, just während Theresa May den Amerikaner und 150 Wirtschaftsbosse in spektakulärer Umgebung mit Lachs, Rind und Erdbeeren bewirtete. Das Dinner fand fern der Hauptstadt in Blenheim Palace statt, dem Geburtsort von Winston Churchill, und May warb bei der US-Delegation enthusiastisch für einen neuen Handelsvertrag. Den hatte Trump im Interview zu diesem Zeitpunkt aber quasi schon für tot erklärt. Denn: Sollte Mays Brexit-Plan umgesetzt werden, müsse er schließlich über Handelsfragen auch künftig mit Brüssel sprechen. Trump bezog sich dabei auf den Vorschlag aus London, sich bei Gütern und Agrarprodukten weiter eng an EU-Standards zu halten. Regelrecht irritiert zeigte sich der Präsident darüber, dass May es gewagt habe, seine Ratschläge zu den Verhandlungen mit Brüssel zu ignorieren. Er selbst, implizierte er, hätte das natürlich weit besser hingekriegt.

Newton Dunn erzählt das alles am Morgen nach dem Coup staunend in der BBC, aber am meisten staunte er wohl darüber, wie Trump auf ihn wirkte: „Niemand fordert ihn heraus. Seine Macht ist absolut. Man hat das Gefühl, man sei am Hof eines mittelalterlichen Herrschers.“

Während May und das Protokoll bemüht waren, Trump seinen Aufenthalt, allem Ärger zum Trotz, möglichst angenehm zu gestalten, mochten die meisten Briten dem Besucher aus Washington seine Großmannssucht nicht verzeihen. Mehr als 70 Prozent lehnen, Umfragen zufolge, den Besuch des Amerikaners im Königreich ab. Die Visite stand daher von Anfang an unter einem schlechten Stern. May, 2017 gerade selbst erst ein paar Monate im Amt, war nach der Amtseinführung Trumps nach Washington geeilt und hatte ihn zu einem Staatsbesuch nach Großbritannien eingeladen. Trump, ein Fan der Queen („so viele Jahre im Amt und hat nie einen Fehler gemacht“) sowie von Lady Diana (in einem Radio-Interview prahlte er, er hätte, wenn er gewollt hätte, Sex mit ihr haben können), nahm gern an. Die Reaktion im Land: wachsende Ablehnung. Und im Parlament, zumal nachdem Trump zwei Tweets von britischen Neonazi-Gruppen verbreitet hatte: echte Wut. „Rassisten, die Hass schüren, sind in diesem Land nicht erlaubt, und wer das tut, der wird festgenommen“, rief ein empörter Abgeordneter in der Debatte über den angekündigten Besuch. Der Sprecher des Parlaments fand sogar, man solle dem US-Präsidenten einen Auftritt vor dem Unterhaus verweigern, so er denn für einen anfrage.

Und so kam eins zum anderen. Nach den Terroranschlägen in Großbritannien 2017 zeigte sich Trump kritisch; er keilte speziell gegen den muslimischen Bürgermeister Londons, Sadiq Khan, und gegen die britische Einwanderungspolitik. May, selbst Vertreterin einer harten Linie in Migrationsfragen, sah sich gezwungen, die Äußerungen des Amerikaners zurückzuweisen. Khan ließ verärgert wissen, Trump sei schlecht informiert und in London nicht willkommen; bei einer Petition gegen den Besuch kamen fast zwei Millionen Unterschriften zusammen. Trump war beleidigt, und er blieb es auch. Eigentlich hätte er im Februar 2018 zur Einweihung der neuen US-Botschaft kommen sollen, das wäre ein Anlass für einen Arbeitsbesuch gewesen.

Aber er mochte nicht. May dürfte darüber nicht unglücklich gewesen sein, sie brauchte ihn nicht, noch nicht – anders als jetzt, da sie ihren Brexit-Kurs in der eigenen Partei, im Parlament und in Brüssel verteidigen muss. Da hätte ein bisschen Unterstützung von einem Mann, der Geld, Macht und Wirtschaftsverbindungen mitbringt, nicht geschadet.

Als der Präsident nach seiner Landung auf dem Flughafen Stansted aus der Airforce One in einen Hubschrauber umstieg, um damit in die Residenz des US-Botschafters, Winfield House im Regent’s Park, zu fliegen, sah es noch kurz so aus, als könnte dieser Besuch sogar ein Erfolg werden. Aus allen Landesteilen waren zusätzliche Beamte herangekarrt worden, die Residenz war weiträumig mit Zäunen abgesperrt. An der nördlichen Ausfahrt wartete ein Heer von Kameras vergeblich darauf, dass sich Demonstranten zeigen, stattdessen tauchte, immerhin, Nigel Farage auf. Der Ex-Chef der EU-Austrittspartei Ukip, als Profi für die Kameras schon fertig gepudert, teilte der Nation mit, Trump sei ein wahrer Freund. Warum eigentlich niemand gegen arabische Potentaten, aber alle Welt gegen den Präsidenten einer befreundeten Nation protestiere? Auf der südlichen Seite von Winfield House hatte sich zumindest eine kleine „Wall of Noise“, eine Lärmwand aus etwa 50 Menschen zusammengefunden, ausgerüstet mit Trillerpfeifen und Kochtöpfen. Aber auch das dürfte das Ehepaar Trump nicht aus dem Nachmittagsschlaf gerissen haben.

Die ganz großen Proteste, das wussten die beiden natürlich, waren ohnehin für den zweiten Tag des Englandbesuchs angekündigt. In London stieg dann, begleitet von Zehntausenden Menschen, am nächsten Morgen die überdimensionierte Plastik-Puppe, ein Baby-Trump in Windeln, in den Himmel. Wegen dieses Babys hatte es bereits einigen Ärger gegeben. Ob man den Präsidenten so despektierlich darstellen dürfe, fragten Kritiker, und forderten von Kahn, dass er die Puppe oder am besten gleich die ganzen Proteste verbiete. Aber der Bürgermeister dachte nicht daran. Versammlungs- und Redefreiheit, sagte er, gehörten zu den verfassungsmäßigen Rechten. Wer sie einschränke, weil sich jemand beleidigt fühlen könnte, begebe sich auf wackligen Boden.

Dabei waren es vor allem die Briten, die hätten verstimmt sein können. Denn Trump hatte in der Sun kein Fettnäpfchen ausgelassen: Boris Johnson, der Mays Brexit-Kurs freimütig als „Kacke“ bezeichnet hatte, sei ein feiner Kerl und wäre ein super Premierminister. Sadiq Khan habe einen schlechten Job bei der Terrorbekämpfung gemacht. Europa verliere wegen der vielen Immigranten seinen Charakter. Und er sehe nicht ein, warum er in einer Stadt bleiben solle, in der er nicht gewollt werde.

Auch deshalb sah der Plan vor, dass Trump die Hauptstadt nur streifen und für Übernachtungen nutzen sollte, um nach Stippvisiten in Blenheim Palace, einer Leistungsschau in der Militärakademie in Sandhurst, einem Arbeitslunch samt Pressekonferenz mit May in Chequers und einer Audienz bei der Königin in Windsor am Nachmittag schleunigst nach Schottland weiterzufliegen. Dort wolle er, so hieß es, auf seiner eigenen Anlage in Turnberry in Ruhe ein paar Runden Golf spielen. Vor der Abreise aus einer erleichterten Hauptstadt räumte Trump bei seiner Pressekonferenz mit May zumindest noch ein paar Scherben beiseite, nicht ohne mit hingeworfenen Bemerkungen die nächsten Irritationen zu verursachen. Die Sun habe das ganze Lob nicht abgedruckt, das er im Interview über May geäußert habe, alles Fake News, so Trump. Und er hoffe natürlich, dass sie den Brexit so hinkriege, dass die zwei Länder hinterher auf Augenhöhe Handel treiben könnten. Falls Großbritannien wirklich aus der EU austrete.

May hörte den Seitenhieb wohl, wie sie auch durchaus merkte, dass Trump, allen nachgereichten Nettigkeiten zum Trotz, nach wie vor große Zweifel an dem von ihr herbeigesehnten Handelsabkommen hat. Dann teilte er gegen Abwesende aus, gegen seinen Vorgänger Barack Obama etwa, gegen Angela Merkel, gegen Nato-Mitglieder, verweigerte CNN eine Frage, lobte Fox News und sagt allen Ernstes, wäre er schon im Amt gewesen, hätte Putin vermutlich nicht die Krim annektiert. May hörte all das mit Staunen. Und wahrte, was ihr zur Ehre gereicht, bis zuletzt die Haltung.

 

Quelle: Süddeutsche Zeitung

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